Eine weitere Folge im lustigen Reigen der erbaulichen Sendung „Papa gesucht!“ zermürbte meine Nerven endgültig zur Schrottreife verschönerte meinen Fernsehabend aufs Unermesslichste.
Herzerwärmende Romantik, sexy Tänze, knisternde Spannung, ein überraschendes Outing und ein Beziehungsdrama, was will man mehr?
Die liebevolle Hobbytänzerin Sabine war mit ihrem neuen Seelengefährten, dem Straßenwärter und Teetrinker Matthias unterwegs zu einer Westernranch.
Matthias, dessen Westernhemden mittlerweile alle an seinem Körper festgewachsen sind und sich chamäleonartig farblich an die Umgebung anpassen, freute sich wie ein Grottenmolch und genoss mit der verschmitzt lächelnden Vollblutschönheit Sabine eine Planwagenfahrt und den herrlichen Ausblick auf grüne Felder und umliegende Atomkraftwerke.
Im Westerndorf zeigte der starke Matthias Sabine zwar nicht, wo der Hammer hängt, aber wo der Pfeil im Köcher steckt. In einem neckischen Bogenschießen traf er ins Rote und fühlte sich selbst von Amor ebenfalls mitten ins Herz getroffen. Ein abendliches Squaredancen mit der drallen, mondgesichtigen Sabine in einem bauschigen Kleid mit mindestens 38 Unterröcken wurde zum tänzerischen Orgasmus Höhepunkt der beiden. Daran konnte weder die 0,2 Quadratmeter große Tanzfläche noch Matthias dröges Steinklotzlächeln Abbruch tun.
Derweil brachte der Romantiktripp der treuen Niedersächsin Carmen mit Privatchauffeur Heinrich und Rentenberater Rainer ungeahnte und nervenkitzelnde Spannung. Das muntere Trio fuhr zu einem Picknick in einen dunklen Wald und der Kofferraum von Heinrich wurde geöffnet. Die musikalische Untermalung mit den Klängen von „Akte X“ wiesen den gewitzten Zuschauer schon darauf hin, dass gleich etwas Furchtbares passieren würde! Und siehe da – der Kofferraum war voller Frauenleichen Koffer!! Verhörspezialistenmäßig stellte Carmen die entscheidende Frage: „Heinrich, bist du etwa ein Serienmörder? wohnst du etwa in deinem Auto?“ Die zusätzlich vernichtenden Blicke Rainers, der umgehend in die Rolle des bösen Cops schlüpfte, konnten Heinrichs serienmördergeübte beherrschte Gesichtsmuskeln aber nicht erschüttern. Er verneinte sonoren Blickes und beschrieb sehr detailliert – vielleicht zu detailliert? – seinen Wohnungsbrand, von RTL einfühlsam untermalt mit David Bowies „Ashes to Ashes“. Heinrich wurde zudem – vielleicht auch von Aktenzeichen XY? – in einem Untertitel geoutet als „54, hat eine Vergangenheit“, Tja, wer hat die nicht, mit 54? was weitere spannende Enthüllungen verspricht.
Die Reise der fröhlichen Hausfrau Gaby mit ihren beiden Gespielen, dem schicken Matthias und dem lustigen Jörg, nach St. Peter Ording sollte sich für letzteren zu einem wahren Waterloo entpuppen! Ein geschickt eingefädelter Gummistiefelkauf sollte Aufschluss über den wahren Charakter der Bewerber geben, enthüllte aber ein bisher sorgsam gehütetes Geheimnis des lustigen Jörg.
Im Schuhgeschäft konnte der schicke Matthias mit roten Pumps auftrumpfen, die er für die fröhliche Gaby auswählte. Der lustige Jörg konterte mit einem Paar schwarzer Pumps, aber in einem Anfall von Unkonzentriertheit und geistiger Verwirrung probierte er diese selbst an und führte sie auch stolz und nicht gänzlich ungeschickt vor – was für ein Totalausfall! Vielleicht zeige er auch seine wahren und bisher geheimgehaltenen Neigungen, stichelte der schicke Matthias kameradenschweinisch und deutete süffisant das Verheerende an: der lustige Jörg, ein Pumpsfetischist!!??
Gaby wandte sich mehr als entsetzt ab und suchte ihr Heil und Vergessen in einer rasenden Karussellfahrt. Bereits distanziert vom lustigen Jörg, dem Schuhfetischisten, kuschelte sie mit dem schicken Matthias, dessen Ausstrahlung nicht nur einem Staubsaugervertreter, sondern einem antiken Staubsaugerbeutel alle Ehre machte.
Im Schwarzwald spielte sich – unbemerkt von allen – ein herzzerreißendes Drama ab. Die dominante Elli, deren bronchial-enervierendes Lachen schalltechnisch und visuell enorm verstärkt wurde durch ihre 54 Zähne mit einer Gesamtfläche von fünf Quadratmetern, zwang Frührentner Guido und Schweinebauer Arnold zum Spargelschälen.
Arnold brachte in einer imponieren Rechnung alle seine Vorteile auf den Tisch:
„Tiere. Plus Landwirtschaft. Gleich Vorteile.“ Außerdem wies er eloquent darauf hin: „Ich kann nicht nur mit Schweinen umgehen, sondern auch mit Frauen.“
Ja, ist klar, dachte ich. Als gäbe es da auch große Unterschiede.
Arnold traf indes heimlich eine folgenschwere Entscheidung. Mit einer finalen Sms an seinen erklärten Liebling, das Wollschwein Angela: „It’s over, Schweinchen Babe!“ stieß er sie von seinem Thron als Erstfrau und ebnete den Weg für seine Herzensdame Elli, ließ aber damit irgendwo in Norddeutschland ein völlig gebrochenes Wollschwein zurück.
Die herz- und nervenzerreißende Folge endete in einer Kaskade von Cliffhangern und schürte im treuen Zuschauer ein emotionales Fragenchaos aus Weinen, Hilflosigkeit und Spannung, das nur in der nächste Folge aufgelöst werden kann:
- Ist der Schnurrbart von Matthias, dem Teetrinker vielleicht mit Kajalstift aufgemalt?
- Ist Heinrich eventuell ein Serienmörder?
- Steht Jörg auch auf Frauenkleider und wird vom schicken Matthias inflagranti in Gabys Bikini erwischt?
- Wie geht Angela damit um, dass Arnold mit ihr Schluss gemacht hat?
- Hat Elli vielleicht sogar Angelas Rache zu befürchten?
Leider ist nach der Sendung mein Fernseher in Flammen aufgegangen und die Geschäfte hier sind wegen Karneval alle geschlossen. Auf Monate. So dass ich leider, leider eine weitere Fortsetzung der Fernsehkritik nicht garantieren kann.
Außerdem wollte ich sowieso auswandern. Aber nur in ein Land, das nicht an RTL ausliefert.
Ihre Anna Nuehm