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BHs sind ausgestorben!, englischer Lord, Handysocke, Osterlämmer, schlechtes Gewissen hoch zehn, seltsam
Ich war gestern in der Stadt. Frage mich seitdem, warum erwachsene Menschen für ihr Handy eine Handysocke dabei haben und dem kleinen Handyschnuckel nach einem Gespräch diese auch noch liebevoll überstreifen? Noch dazu war die betreffende Handysocke ockerschmutzgelb-schamottfarben mit brunzligroten Pünktchen. Der betreffende Mensch war sehr gut angezogen – aber diese Handysocke! Sie zerstörte nicht nur die Gesamtwirkung “Oh, was für ein eleganter, lässiger Typ!”, sondern kehrte sie auch sofort ins Gegenteil um: “Was für ein geschmackloser Idiot Tölpel, den Anzug hat bestimmt seine Frau ausgesucht und die Handysocke er selbst.”
Sollten also handysockenbesitzende Anzugträger unter meinen Lesern sein: Wegschmeißen das Ding! SOFORT!!
Eine weitere verstörende Beobachtung: Es gibt keine BHs mehr auf dieser Welt! Der BH ist ausgestorben! Dieses traurige Entwicklung ging bisher komplett an mir vorbei, muss ich zu meiner Schande gestehen. Ich mache mir selbst auch ziemliche Vorwürfe, denn bis vor kurzem habe ich völlig sorg- und verantwortungslos einfach so massenweise BHs gekauft, ohne auf den Artenschutz zu achten. Ohne mich zu fragen, ob dieser BH vielleicht früh seiner Mutter entrissen oder aus seinem Heimatdorf verschleppt wurde, ungefragt und brutal. Hatte er eine schöne Kindheit oder nicht? Mit wievielen Polyestern ging er gemeinsam zum Kindergarten, wo wuchs er auf, hatte er genug Bambussprossen in seinem natürlichen Umfeld oder musste er vielleicht hungern? Nein, total egoistisch und unbekümmert kaufte ich nicht nur diese seltenen Tierchen – ich zog sie sogar auch noch an!
Gestern dann, die Wucht der Erkenntnis: BHs sind ausgestorben, weg von diesem Planeten, unwiederbringlich verloren. Nur noch im Nepal wurden zwei sehr scheue Exemplare im Regenwald gesichtet, und es besteht die leise Hoffnung unter führenden BH-Experten, dass diese beiden sich vielleicht paaren und vermehren?
Der Großteil der Frauen in meiner Stadt wusste längst Bescheid. Nur ich nicht! Sparsam, ökologisch wertvoll und äußerst tierliebend kauften sie keine BHs mehr und wenn doch, dann ziehen sie einfach keine mehr an. Hüten ihre BHs wie Schätze in ihren Schubladen, vererben sie an ihre Kinder und Kindeskinder und nehmen dafür in Kauf, dass gewisse Körperteile ungehemmt, ungebremst und ungehindert in der Gegend herumhüpfen, herumkullern und geradezu herumtollen, wie verrücktgewordene Lämmer auf der Weide.
Was für ein heiterer Anblick! Was für eine Freude! Was für ein Augenschmaus!
Es hätte so ein schöner Tag sein können, hätte ich mich nicht wie ein grausamer und dekadenter englischer Lord der Jahrhundertwende gefühlt, der auf seinem modrigen Landsitz einsam durch die Hallen wandert, mit der einen, stets zitternden Hand sein volles Whiskeyglas, mit der anderen seinen elfenbeinernen Gehstock umklammernd, dessen leises Tocktocktock in den menschenleeren Zimmerfluchten widerhallt. Umringt von den ausgestopften Trophäen ausgestorbener Tierarten, die ihn mit vorwurfsvollen Blicken verfolgen, riesige Schatten an die Wand werfen und ihm nachts im Traum erscheinen. An seiner Seite nur sein treuer Butler Mortimer, der leider von all diesem nichts versteht, überhaupt nichts!: “Soll ich Euer Lordschaft mit dem Eisbärfell zudecken? Euer Lordschaft haben das Eisbärfell doch immer so gerne gemocht. Oder soll ich das Schneeleopardenfell holen? Oder vielleicht…?”. “Kreisch, nehmt das Fell weg!!! An diesem Fell klebt der Geruch von Tod und Verwesung!!!”. Und wenn er schweißgebadet erwacht, gehetzt von den Gespenstern seiner unrühmlichen Vergangenheit, wirft er sich winselnd auf seinen antiken Löwenbarthaarteppich und schluchzt mit gebrochener Stimme: “Das habe ich alles so nicht gewollt!”
Doch – zu spät!