Ein Sommermärchen. Oder: Der Friseurbesuch

Alle Jahre wieder geht Frau Nuehm zum Friseur. Frauenuntypischerweise mag Frau Nuehm weder Friseure noch Shoppen. Kann sein, dass das ein Genfehler ist. Aber das macht ja auch nichts, es gibt Schlimmeres.
Stimmt, schlimmer als keine Friseurbesuche sind Friseurbesuche.

Heute also: Der grauenhafte Friseurbesuch. Oder: Wäre ich nur im Bett geblieben und hätte mir eine Perücke gekauft oder mir gleich alle Haare einzeln ausgerissen!

Frohen Mutes betrat Frau Nuehm, die aus selbsttherapeutischen Gründen in diesem Beitrag nur in der dritten Person über sich schreiben wird, um das Erlebte nicht noch einmal zu aufzuwühlen und das erlittene Trauma nicht weiter zu vertiefen, den schummerigen Friseursalon. Viele Monde waren seit dem Besuch eines solchen Etablissements vergangen, denn Frau Nuehm hatte beim letzten Mal – wie üblich – sehr schlechte Erfahrungen gemacht.
Seitdem schrieb sie an einer hochwissenschaftlichen Studie über „Gesprochene Sprache in Friseursalons: Vom Sender zum Empfänger und wieder zurück: Wo bleibt das Gesagte, wohin verflüchtigt es sich? Wird es einfach mit den abgeschnittenen Haaren vom Boden aufgekehrt und weggeworfen? Und warum kommt exakt das genaue Gegenteil beim Hörer an? Warum? Warum nur?“, die aber nicht von Erfolg, sondern eher von quälenden Selbstzweifeln gekrönt war. Außerdem hatte sie seitdem sehr starken Spliss bekommen, wodurch ein Friseurbesuch nicht länger zu vermeiden war. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf…

Stutzig wurde Frau Nuehm bereits beim Betrachten des eilig und freundlich auf sie zuströmenden Personals: Alle fünf Friseusen waren doch tatsächlich mit Unmengen an Piercings ausgestattet, trugen sehr enge Bekleidung, die einen großzügigen Blick auf mehrere Tattoos gestattete, zusätzlich aber auch über die Fastfood-Begeisterung der anwesenden Damenriege Auskunft gab. Hier und da lugten neckisch kleinere Speckröllchen hervor und blinzelten Frau Nuehm charmant an.
„So weit, so gut.“, dachte Frau Nuehm und nahm zögerlich Platz.
Die fünf Ritter der Kokosnuss Grazien stellten sich tribunalartig hinter ihrem Stuhl auf und Nuehm legte los: „Also ich hätte daaaa gerne vier Zentimeter weg, an den Seiten fransig und…“
Mrs. Nasenpiercing: „Boah, sind die Haare kaputt!“
Mrs. Lippenpiercing: „Hmmm, hmmm, die sind Schrott. Aber total.“
Mrs. Mundwinkelpiercing: „Also wenn die Haare ein Hund wären, würde man die einschläfern, aber sofort!“
Mrs. Augenbrauenpiercing: „DAT sieht ja schlimm aus!“
Mrs. Bauchnabel-Lippen-Nasen- und Augenbrauenpiercing: „Oh oh.“

Angesichts dieser erschütternden Aussagen, die einem mitleidlos ausgerufenen „Exitus!“ oder eher noch einem „Boah, die ist hin!“ in einer amerikanischen Krankenhausnotaufnahme gleichkamen, entschied sich Frau Nuehm für einen blitzschnellen und wie sie fand, genialen Taktikwechsel.
Nicht irgendwelche ungenauen Maßangaben wie „schneiden Sie an dieser Stelle in einem Winkel von 45 ein siebtel Grad 2,9 Zentimeter ab, dann legen Sie mittels der Schere die Hypotenuse fest und entfernen Sie von deren zentralem Scheitelpunkt genau 3,8 Zentimeter…“ sollten sie an ihr Ziel führen, nein. Zu oft war Frau Nuehm mit dieser Methode schon gescheitert!
Bilder. Bilder sollten sprechen! Keine schnöden Zahlen, sondern Bilder, Metaphern und romantische Vergleiche.
Frau Nuehm hub also an: „Verwandeln Sie mich doch in diese hinreißende Blondine mit dem strahlenden Lächeln und der eigenen Fernsehsendung, dem Superstar aus Film und Fernsehen, der megaerfolgreichsten Frau und Topstylistin oder auch Umstylistin, die es überhaupt gibt. “
Und es ist ja klar, wer damit gemeint war:

Hier war mal ein Foto von Heidi Klum, das aus juristischen Gründen entfernt worden ist, weil das ansonsten 7,8 Trilliarden Dollar gekostet hätte. Frau Klums üblichen Modelstundensatz.

Stunden später. Frau Nuehm war unter den erstaunlich zarten Händen der Piercing-Riege tief entschlafen und hörte ganz weit entfernt dezentes Gemurmel „Oh, nee, so ne tote Haare! Isch sachs dir..“, dessen mantraartige Wiederholung sie sanft einlullte. Sie – vielmehr ihr Haar – fühlte sich angesichts dieser fachkundigen Beileidsäußerungen wie ein sehr seltenes, aber ziemlich lebloses Tier, das im Zoo von berühmten und professoralen Fachkapazitäten mitleidig betrachtet, manchmal auch probehalber betastet und dessen schlaff herunterhängende Pfote hier und da angehoben wurde, um zu testen, ob es noch lebte oder bereits sanft entschlafen war.
Gerade, als sie überlegte, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen wäre,
jubelte der Damenchor ein triumphierendes „Wir sind fertig!“, und Frau Nuehm schaute freudig gespannt in den Spiegel.
…..
…..
…..
Was sie sah, war dermaßen unbeschreiblich, dass nicht einmal alle überhaupt existierenden Flüche in allen existierenden Sprachen aller vorhandenen Welten ausgereicht hätten, um dieser haargewordenen Ungeheuerlichkeit Tribut zu zollen, außerdem waren die anderen in der Überzahl.
Auch an dieser Stelle sagt ein Bild mehr als tausend Worte:
Hier befand sich vor Jahren einmal ein Foto von: Tine Mc Fit, auch bekannt als „Tine, The Body-Wittler“. Auch bekannt als „die singende Renovierwalze vom Dienst, deren Wallawalla-Gewänder noch schlimmer aussehen als ihr psychopathisches Lächeln, längst aber nicht so schlimm wie ihre: Frisur!!!“

Frau Nuehm, wie immer ein Ausbund an Contenance, Selbstbeherrschung und guter Erziehung rang sich atemberaubt ein kurzes, sehr vielsagendes, mit ziemlich kritischem Unterton versehenes „Wundervoll!“ ab, zahlte und schickte sich dann an den Schauplatz des Verbrechens Laden zu verlassen.

Erst in sicherer Entfernung und in der geöffneten Tür stehend, schleuderte sie die eiserne Maske der erzwungenen Höflichkeit weg, so weit weg, wie sie nur eben konnte.
„Ihr elenden Spießer!“, kreischte Frau Nuehm und lief schnell weg.

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19 Antworten zu Ein Sommermärchen. Oder: Der Friseurbesuch

  1. germanpsycho schreibt:

    Sie werden mir ja nun wirklich unheimlich… Sie vergessen die eigene Schuhgröße und gehen nicht gerne zum Friseur? Sagen Sie, sind Sie sicher, daß Sie nicht Ihr Bruder sind?

    Bei mir ist das mit dem Haareschneiden übrigens sehr viel einfacher. Die verbleibenden drei Haare auf meinem Kopf sind gar nicht so widerspenstig.

  2. Erdge Schoss schreibt:

    Gab’s denn, liebe Anna, den schicken Pulli mit zur Frisur?

    Herzlich
    Ihr Erdge

  3. Westpfalz-Johnny schreibt:

    Warum gehen Sie denn nicht mal im Saarland zum Frisör? Viel schlimmer kann das Endresultat auch nicht werden, aber der Dialekt ist dafür wenigstens erträglicher. In Saarlouis laufen einem durchaus optisch annehmbare Frisuren über den Weg, versuchen Sie es doch dort einmal (Außerdem könnten Sie dann den 4. Teil von „Letters from the Saarland“ angehen) ;-)

  4. Anna Nuehm schreibt:

    Lieber GP,
    es ist das schaurige Gefühl des komplett ausgeliefert Seins, was mir Friseurbesuche ziemlich unsympathisch macht.
    Da kann ich ja gleich zum Zahnarzt gehen zu einer dreistündigen Wurzelbehandung ohne Betäubung! Nein, die ist sogar noch schöner, weil man nicht sofort sieht, wenn der Arzt Mist gebaut hat…

    Hmm, gute Frage: Bin ich jetzt mein eigener Bruder oder nicht? Also meine eigene Schwester kann ich schon mal nicht sein, denn ich habe keine.
    Und Brüder hab ich sogar drei. Aber die sind alle älter und haben ganz andere Frisuren.
    Von daher…
    ;-)

    Lieber Herr Erdge,
    es ist sehr löblich, dass Sie von meiner – selbstverständlich nur symbolhaft dargestellten – schaurigen Frisur abzulenken versuchen.
    Solche Pullis besitze ich nicht. Leider oder Gottseidank.
    :-)
    Herzlich
    Ihre Anna

    Lieber Johnny,
    es könnte eventuell sein, dass ich mit dem Endresultat ein klitzekleines Bisschen übertrieben habe. So hier und da…
    Aber Ihr Argument mit dem Dialekt ist natürlich ein Trumpf! Vielleicht verstehen die mich in Saarlouis ja einfach besser?
    Oha, den vierten Teil hätten Sie gerne.. Wie Sie das jetzt so galant eingebaut haben..
    Sie kleiner Schlingel! ;-)

  5. corax schreibt:

    Frau Anna,

    ein sehl gescheitel Altikel.

    Glück auf! :–)

  6. Anna Nuehm schreibt:

    Herr Corax,
    wie meinen?
    :-D
    Abel danke!
    Glück auf! :-)

  7. Federkatz schreibt:

    Ein klassischer Bad-Hair-Day. Sie haben mein vollstes Mitgefühl! Ausserdem glaube ich seit HEUTE dass Augsburger Bus-und-Tramfahrer noch schlimmer sind als die Berüchtigten Verkehrsbetriebe Aachen! Beide sind mit dem Teufel verbündelt. Argh!

  8. Martina schreibt:

    Ach meine liebe Anna,
    wie tragisch muss dein heutiger Tag gewesen sein! Ich fühle wirklich mit dir. Und glaube es mir – du bist nicht die einzige Frau, die solche Erlebnisse hat.

    Erinnerst du dich noch an unsere Unterhaltung zu und über diese widerlichen Spiegel in den Umkleidekabinen?

    Man will, dass wir uns schlank, rank und hübsch fühlen – aber egal wie, ob Friseurbesuch oder Kleiderkauf, wir werden immer wieder aufs Neue in die Realität zurückgeholt – und das nicht gerade unbedingt sanft.

    Lass dich von Mogli trösten!

    BTW, ich habe eben wieder einen von mehreren Schreikrämpfen heute bekommen. Nun höre ich auf zu basteln, das bringt heute sowieso nix mehr.

  9. Abt Nettberg schreibt:

    Ja, ich schwebe in Erinnerungen, ich weiß.
    Früher, als ich noch Haare hatte, saß ich auch in solchen
    Stühlen. Heute mähe ich selbst. Maschinell.

    Aber was mir immer noch in den Ohren klingt, ist das
    Luftschneiden. Kennen Sie das?

    Als wollten die Frisörfinger sich vor jedem SCHNIPP
    erst warmlaufen, ging jedem SCHNIPP ein blödsinniges
    schnippschnippschnipp voraus.
    LUFT!
    Er hatte Luft geschnitten, unablässig.

    Machen die das im Jahr 2008 immer noch?
    Vielleicht schneiden sie ja das Geschwafel ab und die
    Wortfetzen fallen alle unter den Stuhl?
    Ich muss das mal ergründen gehen. Da ist so ’ne kleine
    Schwarze umme Ecke.
    Von der lasse ich mir den Bart kraulen.

  10. Anna Nuehm schreibt:

    Liebe Tina,
    danke für Ihr Mitgefühl.. Die Haare sind ja schon ein wenig gewachsen seitdem.
    Alle Busfahrer weltweit sind in der Camorra ähnlichen Organisation der „Sadistische Busfahrer weltweit Inc. Gmbh und CoKg“.
    Von daher überrascht mich das nicht.
    :-)

    Liebe Martina,
    die Realität kann so grausam sein und unterm Strich gesehen ist sie einfach auch nicht mehr das, was sie früher mal war.
    Genau, für Mogli bin ich immer schön! Wo steckt er eigentlich? Seit meinem Friseurbesuch hab ich ihn irgendwie nicht mehr gesehen, fällt mir gerade auf…
    ;-)

    Schreikrämpfe sind keine Lösung, aber keine Schreikrämpfe auch nicht..
    Anna :-)

    Verehrter Abt Nettberg,
    Eure Eminenz,
    Hochfürstlichkeit,
    da waren Sie aber bei einem high class-Friseur, denn nur die wahren Experten beherrschen die Technik des herumfuchtelnden und ohrläppchenbedrohenden Luftschnittes.
    Ähnlich wie beim Luftgitarrespielen. Das sind auch immer die vorzüglichsten Gitarrespieler..

    Hmm, die Worte werden schnöde abgeschnitten und fallen zerfranselt unter den Tisch..
    Das passt. Aber zu 1000 Prozent!
    Amen.
    :-)

  11. Abt Nettberg schreibt:

    Ich komme soeben aus der Frühstücksklausur und sehe jetzt erst das Foto, das höchst unangenehme Auswirkungen auf die Höhe Ihrer Klosterspenden haben könnte,liebe Frau Nühm.

  12. Anna Nuehm schreibt:

    Hmmm, dann nehm ich das wohl besser mal raus…
    Danke, werter Abt Nettberg. Darauf einen Rosenkranz..

    Haben Sie denn schon den Teil II der Trilogie gesehen, in dem Sie Ihren ersten glänzenden Auftritt haben?
    Schöne Grüße,
    Anna :-)

  13. gaviota schreibt:

    Meine Seelenverwandte Anna… Shoppen iehhh, Friseurbesuch…doppelt Iehhhh…. Aber auch ich musste nach über einem Jahr zum Spitzen schneiden, Spliss ließ grüßen…. Ist trotzdem alles glatt gelaufen…mehr würde ich beim Friseur auch nicht machen lassen ;-)
    Erhol dich bald vom Schock !!!
    Liebe Grüße!

  14. Frau K. schreibt:

    Eure Frau K. ist ein wenig verwundert, weil sie Frau Wittler eigentlich immer ganz attraktiv fand.

  15. Anna Nuehm schreibt:

    Liebe Gaviota,
    ein Mal im Jahr zum Friseur, genau, das mach ich aber jetzt wieder genauso.
    Finde ich witzig, dass du das auch so siehst… „Iiiiiiih“ :-)
    ich bin schon wieder munter und erhole mich.. Langsam, aber schleichend..
    Liebe Grüße,
    Anna :-)

    Liebe Frau K.,
    Ich finde Frau W. witzig und originell, auch sympathisch. Aber nicht attraktiv!
    Ich sehe auch nicht so aus wie Frau W., bis auf den Topfschnitt! Naja, ich übertreibe manchmal ein wenig…
    ;-)
    Ohne Frau W. nahe treten zu wollen, denn sie scheint ja ganz glücklich mit ihrer Erscheinung zu sein. Und das ist für sie natürlich das Wichtigste.
    Meine persönliche Meinung ist dabei unmaßgeblich..
    Anna :-)

  16. Frau K. schreibt:

    Hm. Unattraktiv, da Figur ausserhalb der in europäischem Raum definierten Norm oder unattraktiv, da Topfschnitt, fragt sich jetzt erstaunt > Frau K ?

  17. Anna Nuehm schreibt:

    Hmm. Nicht attraktiv, schrub ich.
    Was nicht dasselbe ist wie „unattraktiv“.
    Frau Wittler sieht stets sehr gepflegt, aufgeräumt, gut gelaunt und nett aus.
    Aber so als Gesamtpaket finde ich persönlich sie nicht attraktiv. Sie gibt sich Mühe, das muss man anerkennen, das meine ich jetzt nicht abwertend!
    Aber ich bin ja auch kein Mann. Vielleicht sehen Männer das anders?

    Es ist die Gesamterscheinung, mit einer anderen Figur sähe sie ganz anders aus! Äh, ja, ist klar.
    Aber gepflegt ist sie.
    Frau K., ich liege für europäische Verhältnisse auch ausserhalb der Norm mit meinen 1,80. Und ein Hänfling bin ich auch nicht gerade…
    Normen sind mir von daher eigentlich egal…
    Das ist ja nur meine persönliche Meinung und kein Dogma.

    Einfach Geschmackssache.
    Die Geschmäcker sind zum Glück ja verschieden.
    :-)

  18. Frau K. schreibt:

    Frau K. ist auch nicht ganz normal.

  19. Anna Nuehm schreibt:

    Frau K.,
    immer und bei allem „normal“ ist ja auch irgendwie langweilig…
    :-)

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