Die Angst vor Diego Maradona

Die WM 2010 ist geprägt von Angst.
Nicht die des Schützen vorm Elfmeter oder die Angst Englands vor einem Elfmeterschießen gegen Deutschland – neuerdings ersetzt durch die Angst vor einem Tor gegen Deutschland – oder allgemein die Angst vor dem Ausscheiden. Im Gegenteil: alle wollen ausscheiden. Sie würden liebend gerne ausscheiden, lieber heute als morgen, wenn das nur irgendwie ginge, ohne dass sie den Platz noch einmal betreten müssten.
Denn alle haben Angst: Angst vor Diego Maradona.
Wo er hingeht, verbreitet er Terror und Schrecken. Keiner ist vor seinen Übergriffen geschützt, weder Spieler, Journalisten, Würstchenverkäufer, noch zufällig vorbeikommende Zeitungsverkäufer oder altersschwache Funktionäre mit künstlichen Hüftgelenken. Nicht einmal Günther Netzer wäre vor ihm sicher, und das will schon etwas heißen.
Maradona, wie eine hochexplosive Presswurst in drei Nummern zu kleine-aber ich zieh die trotzdem total gerne an-Anzüge gequetscht, stets ein wahnwitziges Funkeln in den Augen. In jeder Hand eine Zigarre, elegant kombiniert mit seinem Magenband, seiner schicken Alkoholanzeige-Fußfessel und seinem Krokohandtäschchen mit der Reservepackung Koks für besondere Gelegenheiten. Also immer.
Wie Siegfried und Roys Tiger läuft er schnurrend an der Seitenauslinie auf und ab, greift sich unvermittelt einen ausgewechselten Spieler wie ein Kondor ein kleines, unschuldiges Lämmchen und knutscht diesen dann heftig vor den Augen der entsetzten Weltöffentlichkeit ab. Eine Runde Petting, fertig, der Nächste. Dabei stellt sein irres Lachen selbst die „Psycho“-Duschszene lässig in den Schatten.
Keiner kann ihm entkommen, denn er verfolgt die Objekte seiner Begierde mit unerwarteter Sportlichkeit über den ganzen Platz und selbst Stunden nach dem Abpfiff lauert er immer noch an der Seitenauslinie. Es wird gemunkelt, dass die argentinischen Spieler, aber auch die gesamte gegnerische Mannschaft, die Schiedsrichter, Stadiongärtner und Platzanweiser nach dem letzten Spiel geschlagene fünf Stunden zum Auslaufen waren, nur um ihm zu entgehen. Aber als alle Lichter ausgingen – die 170.000 Zuschauer hatten sich im Schutze der Dunkelheit schon davon gemacht – war er immer noch da.
Maradona blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Zuerst war er Fußballspieler, dann bekam er einen lukrativen Halbtagsjob als Hand Gottes. Er ging dann auf eine vielumjubelte Tournee durch diverse Rehakliniken und stattete Fidel Castro einen Besuch ab. Spontan adoptierte er dessen Bart, dessen Zigarren und auch dessen Anzüge aus den 20er Jahren. Seine Biathlon-Ambitionen musste er leider wegen mangelnder Zielscheiben – die egoistischen Reporter wollten sich nicht weiter als Tontauben zur Verfügung stellen – verfrüht abbrechen. Außerdem gab’s in Argentinien nicht genug Schnee, also wenn man den in seiner Tasche abzieht. Schließlich wurde er Moderator und landete beim argentinischen Fernsehen – ein ganz normales Promileben. Eine brandgefährliche Mischung aus purem Mutwillen, gähnender Langeweile und psychopathischer Grausamkeit brachte Maradona dazu sich als Maskottchen der argentinischen Nationalelf zu bewerben. Seitdem treibt er auf internationalem Parkett sein Unwesen.
Maradona ist dabei von grausamer Unberechenbarkeit: sich spontan nackt ausziehen, mal eben ne Line reinziehen, die Journalisten auffordern, ihn an seinen Cojones zu lecken oder den Beweis für seine Männlichkeit jetzt, hier und gleich anzutreten – die Bandbreite seiner Emotionen und Handlungen ist einfach riesig. Wahnsinnig riesig.
In diesem Zusammenhang kann einen auch das frühe Ausscheiden Frankreichs und Italiens nicht wirklich verwundern. Hinter den Kulissen muss es zu tumultartigen Szenen gekommen sein, wie man an Anelkas Kurzschlussreaktion sehen kann. Die entnervten Spieler flehten unter Tränen „Bitte, Trainer, bitte, lass uns ausscheiden!“ und die mitfühlenden Trainer brachten mit einem zutiefst humanen „Okay, Männer, lasst uns nach Hause fahren, die Nation kann nicht erwarten, dass wir dieses Opfer bringen, niemand kann das!“ ihre Mannschaften, aber auch sich selbst in Sicherheit.
Nicht so die Spieler der deutschen Mannschaft. Sie sind für alles gewappnet, haben Sprints trainiert wie die Besessenen und einen geheimen Fluchtplan durch die Katakomben des Stadions in der Tasche. Zudem stehen mehrere Busse an strategisch günstigen Orten als Fluchtfahrzeuge bereit. Auch das CIA wurde bereits eingeschaltet und hat die Chirurgen für die Gesichtsoperationen im Rahmen des Zeugenschutzprogramms schon nach Afrika geflogen.
Bei einem Sieg im WM-Finale hat Maradona angedroht, er würde sich die Kleider vom Leib reißen und nackt durch Buenos Aires laufen. Die argentinischen Spieler waren darüber sehr erleichtert. Sie haben sogar geweint vor Glück, denn sie hatten viel Schlimmeres befürchtet, wie etwa ein Saunawochenende mit Maradona, einen mehrtägigen Mannschaftsausflug in einen Swingerclub oder gar Einzel- und Exklusivunterricht in „Medienverhalten und Kommunikation“ bei Diego himself. Da ist Maradonas Nacktlauf durch das schöne Buenos Aires doch wirklich nur ein Klacks und für die seit dieser Ankündigung vor sprachlosem Entsetzen gelähmte Stadt ist der Evakuierungsplan schon bis ins Detail ausgearbeitet.

Vielmehr wäre er es, denn leider, leider werden wir uns heute von Diego Maradona verabschieden müssen.
Die Weltöffentlichkeit blickt gebannt und mit angehaltenem Atem auf dieses Spiel. Wir wird Maradona auf die Niederlage reagieren? Wird er Amok laufen? Hat er sein Luftgewehr dabei? Reißt er sich den Anzug vom Leib? Oder den Bart ab? Wird es eventuell eine Neuauflage des Märchens „Rumpelstilzchen“ geben?
All das schwebt wie ein Damoklesschwert über der deutschen Mannschaft. Aber sie ist nervenstark und bereit, alle diese Risiken auf sich zu nehmen und trotzdem zu gewinnen.
Und mal ehrlich, Jungs, Ehrenbürger von Buenos Aires ist auch keine schlechte Sache!

Über Liv Maxx

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2 Antworten zu Die Angst vor Diego Maradona

  1. <°((( ~~< schreibt:

    Hui: Fa-bel-haft! 14.738 Zeichen – das musste aber raus, was? Da hat sich so einiges aufgestaut in den letzten blogfreien Jahren…

    … herzlich willkommen zurück im virtuellen Leben!

  2. Anna Nuehm schreibt:

    Dankeschön, lieber Herr Goldfischli! Und Sie haben wirklich jedes Zeichen einzeln gezählt? Was für ein Aufwand! :-)

    Ja, ich war blockiert und jetzt explodiert.
    Seien Sie froh, dass ich nicht twittere, sonst wäre das Twitter-Mutterschiff durchgeglüht und in Flammen aufgegangen. *hoho
    Danke für den herzlichen Willkommensgruß..
    Freut mich. :-)

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