Zahnarztbesuch

Hab mir einen lustigen Vormittag gemacht und bin spontan bei meinem Zahnarzt reingesprungen. Dieser ergriff die Gunst der Stunde, fesselte mich kurz entschlossen auf seinen Stuhl und nahm mich als seine Zahngeisel.
Stundenlang bohrte er dann in meinen Zähnen herum, unterstützt von seiner sadistischen Helferin, die mich mit einem ordinären Spuckeabsaugschlauch quälte. Immer wenn ich schlucken musste, ignorierte sie das und ich sabberte gedemütigt und um gefühlte 50 Jahre gealtert vor mich hin. Musste ich nicht schlucken, saugte sie die nicht vorhandene Spucke trotzdem ab, wodurch ich im Laufe der Stunden Michael Jackson-like total dehydrierte und sichtbar verwelkte. Fünf Fältchen mehr in drei Stunden!!
Der Zahndoc – ein sexy Typ übrigens mit 64 strahlenden Zähnen – redete wasserfallartig auf mich ein, stellte mir immer wieder verzwickte Fragen, schaute mich dabei erwartungsvoll an und ich konnte nur „hmpf, hmpf!“ sagen, manchmal auch „argh“. Für Frauen gibts nix Schlimmeres als das. Unheimlich viel wissen, das demonstrieren wollen und dann nicht reden können!
Und wahrscheinlich hält er mich jetzt noch für doof, weil ich so wenig gesagt habe. Ich hasse es ja, wenn meine Intelligenz unterschätzt wird und das passiert mir eigentlich ständig. Nicht nur heute. Würde mich selbst als die meist unterschätzte Person auf diesem Planeten einschätzen, wobei ich mit dieser Meinung – natürlich! – ziemlich allein da stehe. Aber egal.
Zahndoc und Miss Sadistica schliffen unter ohrenbetäubendem Gebohre ein paar meiner Zähne ab, die natürlich vollständig gesund waren, sonst würde das denen ja keinen Spaß machen. Als ihm das auffiel, sagte er lachend: „Ooops, hab mich vertan, hab wohl Ihre Röntgenbilder vertauscht. Hihi!“
Ein paar Sekunden lang fühlte ich mich wie Dustin Hoffmann in „Marathon-Mann“ und wollte schon rufen „nein, Szell, ich sage Ihnen nicht, wo die Diamanten sind, Sie Scheusal!“, aber das verging wieder, denn ich beschloss spontan die Rolle des Beißers in „Moonraker“ zu übernehmen. Ich wollte als Kind schon solche tollen Eisenzähne haben, har har! Ich könnte dann Nüsse mit Schale essen und Muscheln auch. Das wär doch mal was!
Gerade als mich die Vorstellung beflügelte, meinem nervigen Nachbarn demnächst mit meinen Eisenzähnen einfach so seine kostbaren Aluradkappen durchzubeißen, zerstörte Doc Zahn meine Illusionen und meinte lapidar: „Nein, das war ein schlechter Scherz, Frau Nuehm. Entschuldigen Sie bitte. Das kommt daher, dass ich als Kind immer der Beißer sein wollte, und alle beeindrucken wollte, indem ich Nüsse mit Schalen essen würde. Wie kindisch von mir. Verzeihen Sie bitte.“ „Wir sind seelenverwandt“, wollte ich noch rufen, aber aus meinem Mund kam nur ein sinnloses „mhm, mhm, argh.“ Wahrscheinlich hielt er mich nicht nur für dumm, sondern auch noch für humorlos. Naja.
Dann verpasste der sexy Zahndoc mir diverse silikonkrümelnde Gummiabdrücke, eingebettet in grobkantige Metallteile, die mein schon nicht mehr vorhandenes Zahnfleisch bis aufs Blut gequält hätten, wenn es denn noch da gewesen wäre. Total unsensibel entfernte er mir schließlich mit einem Ruck meine heißgeliebten Amalgamplomben aus den späten 80er Jahren.
Mann, an denen hab ich total gehangen, die waren Ausdruck meiner jugendlichen Unbekümmertheit und meiner jahrelangen Weigerung mir abends nach dem Schokolade essen im Bett noch einmal die Zähne zu putzen. Die waren Rock’n Roll diese Plomben, das waren Revoluzzerplomben, das war mein Protest gegen die Spießergesellschaft, gegen meine Eltern und das Establishment! Und jetzt – einfach so weg. Stattdessen: Porzellan. Was für ein Abstieg, Nuehm, dachte ich verbittert. Toiletten sind aus Porzellan und du jetzt auch.
Nur wenige Stunden später, ein paar Zähne weniger und um viele Schmerzen und einen Kreislaufkollaps reicher, durfte ich dann das Folterbett verlassen.
Bei der Verabschiedung von sexy Brad Pitt-Zahndoc fiel mir plötzlich auf: Hey, der sah ja aus wie Eduard Zimmermann! Und nicht wie George Clooney, nicht einmal wie Doctor House! Gruselig!
Au weia, klarer Fall von Stockholm-Syndrom, sagte ich zu mir selbst. „Bis zum 20. September, Frau Nuehm, dann gehts weiter“, zwitscherte mir der altväterliche Zahndoc fröhlich zu. „Mmhmpf“, war meine etwas unbestimmte Antwort.
Ich suche mir bis dahin nen Stuntman, sobald ich wieder sprechen kann.
Und bei Ebay werd ich mir jetzt Amalgamplomben ersteigern und heimlich einsetzen lassen.

Über Liv Maxx

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15 Antworten zu Zahnarztbesuch

  1. textorama schreibt:

    das mit den Amalgam-Plomben ist wie mit dem Atommüll. Oder Asbest. Man lagert es ein, es ist nicht gesund und wenn man es bewegt ist aber was los! Im wahrsten Sinne und im übertragenen. Auch ich bin voller Amalgam. Amalgam wird das sein, was bleibt, wenn wir alle dereinst gegangen sein werden.
    Schön zu wissen: ich bin gemacht für die Ewigkeit. Zumindest ein Stück weit. Soviel zum Zahn der Zeit.

    Ihr textorama

  2. Anna Nuehm schreibt:

    Ich fand es immer sehr schön mit meinen Amalgamen. Und nun sind sie wech, wahrscheinlich von meinem Zahndoc bei Ebay vertickert, wo ich sie selber wieder ersteigern werde für viel Geld! Der Kreis schließt sich. Am Ende gewinnt immer „Team Amalgam“.

    Der Zahn der Zeit. Wer nagt eigentlich an dem? Nagt der an sich selbst oder wie?

    Ihre Anna

  3. textorama schreibt:

    Finden Sie nicht auch das sich bei unscharfer Lesart Amalgamplombem wie Atombomben liest?

    Damit wären wir wieder bei der Thematik Halbwertszeit, Ver- oder Zerfallsdatum und Endlagerung.

    Voll bei Umweltbewußtsein.
    Ihr textorama

  4. Anna Nuehm schreibt:

    Doch, auf jeden Fall!
    Atombomben!
    Herrgott, bin ich froh, dass ich die Dinger los bin.

    Aber ein bisschen liest sich Amalgamplomben auch wie Amarettomond, oder?

    Ich zerfalle ohne meine Plomben, ich will sie zurück haben!
    Das Beste an mir waren doch meine Plomben, ohne sie bin ich ein Nichts!!

    Ihre Anna

  5. textorama schreibt:

    Ich hatte mal einen Zahnarzt, der hatte doch tatsächlich einen Schaukasten mit historischen Zahnarztwerkzeugen. Dass da der ein oder die andere hysterisch wurde mag ich mir mit Wonnen vorstellen. Wo ich dann hysterisch wurde war die letzte Rechnung, die man mir servierte. Als Privatpatient glaubt doch jeder Körperklemptner er können abzocken. Auf die Frage warum die Rechnung nun 70% teurer wäre, als beim Telefonat veranschlagt (pauschale professionelle Reinigung mit Kontrolle, quasi zum Festpreis), war die lapidare Antwort der dentalen Assitenz, dass ich, als PKV Patient, damit ja wohl rechnen müsse und das ja dann sowieso immer teurer wäre als bei GKVs. Und überhaupt wäre die letzte Rechnung ja auch schon teurer gewesen, und ich solle mich nicht so haben.
    Die Dame war ziemlich angenervt, warum auch immer. Wahrscheinlich hat sie dem letzte Patienten mit dem Staubsauger das Rachenzäpfchen abgesaugt, der hat daraufhin die Cheffin vollgekotzt und die wiederum dann die Zahnschubse.
    Auch Ärzte werden lernen müssen ihre Kunden zu umgarnen.
    Ansonsten ein nette Laden, mit schrägem Humor. Leider ist der Spider-Man Flipper aus dem Wartezimmer verschwunden.

  6. <°((( ~~< schreibt:

    Nein wir stehen zu zweit da. Ob das jetzt gut ist, weiß ich nicht: ICH! ICH! ICH! ICH bin die meist unterschätzte Person auf diesem Planeten! Wenn ich wieder einmal schwöre, dass ich ein Genie bin, will mir wieder niemand glauben. Jedes mal! Jedes verdammte mal! Sie können es nur dann anerkennen, wenn mir dieser Umstand gerade totaaal unwichtig ist – weil ich in den Ritzen eines Zahnarztstuhls kauere, beispielsweise, mit in den Enden der Armlehnen festgekrallten Händen. Wir stehen wohl zu zweit da. Allerdings habe ich nicht den Wunsch, die Austern mit Schale zu essen. Nicht mal ohne. Zum Beispiel.

  7. Anna Nuehm schreibt:

    textorama, wie jetzt, Rechnung?? Erzählen Sie mir bloß nicht, dass ich für diese ganzen Schmerzen und Demütigungen auch noch bezahlen muss?
    Das ist aber jetzt ein Scherz, oder??

    Haha, der war witzig und jetzt schreiben Sie schnell „Scherzchen“, sonst kann ich heute Nacht nicht schlafen.

    Leicht beunruhigt,
    Ihre Anna

    Natürlich ist das gut, Monsieur Goldfischli. Zu zweit als verkanntes Genie dazustehen ist viel, viel schöner. Außerdem könnten wir das aufteilen in „meist unterschätzter Mann des Planeten“ – Sie natürlich – und „meist unterschätzte Frau des Planeten“ – meine geniale Wenigkeit.

    Sie wollten nie der Beißer sein? Das ist aber ungewöhnlich. Ich dachte immer, jeder wollte der Beißer sein, wenigstens mal so wegen der Nachbarn…
    Bei den Muscheln gehts mir nur um die kraftvolle Geste und das knirschende Geräusch. Muscheln an sich mag ich gar nicht und Austern noch weniger.
    Sehen Sie.
    :-)

  8. textorama schreibt:

    @
    <°(((~~<

    Versuchen Sie es mit strategisch günstig verbreiteten Dementis. Immer das Gegenteil behaupten. Darauf zu pochen bringt nichts ein.
    Es kann natürlich passieren, dass Ihnen aber auch jemand recht gibt.

  9. Erdge Schoss schreibt:

    Um Himmelswillen, liebe Anna! Warum haben Sie sich denn keine Vollnarkose gegönnt?

    Herzlich
    Ihr Dr. med. (dent.) Schoss
    Alle Kassen, alle Klassen

  10. textorama schreibt:

    Propofol. Von führenden Popstars empfohlen. Das knallt rein.

    Ihr textorama, entwöhnter Drogist

  11. Anna Nuehm schreibt:

    Das weiß ich auch nicht, lieber Dr. Erdge.
    Das nächste Mal komm ich ganz sicher zu Ihnen. Ich bestehe aber auf kiloweise Amalgam, das sag ich Ihnen jetzt schon!

    Herzlich
    Ihre Anna

    Habs notiert, werter textorama. Propofol. Hoffe mal, die haben das bei Schlecker.
    Essen kann ich nämlich auch nicht. Aber Essen wird eh überschätzt.
    Ihre Anna, vom Essen entwöhnt

  12. blogspargel schreibt:

    Liebe Frau Anna,

    Sie können Gedanken (oder Terminkalender?) lesen, denn jahrelang nicht, aber just diese Woche war auch ich beim Zahnarzt (ohne Mützli) und er hat mir eine Brücke angedroht.

    Vielleicht könnten wir uns und auch andere zusammentun, bis wir sieben sind, dann spielen sie vielleicht Peter Maffay für uns („Über sieben Brücken …“), dann ist der Schmerz im Ohr größer als im Dentalbereich und das Einsetzen macht dann noch mehr Spaß ….

    Das mit der Vollnarkose hat mein Zahnarzt ganz einfach gelöst. Telefonisch bekommt man die Auskunft, dass eine Stunde Vollnarkose 950 Euro kostet. Dann ist Ruhe in der Leitung – wohl einer bewusstlos?

  13. Anna Nuehm schreibt:

    Lieber Herr Blogspargel,
    wie gut, dass Sie Mützli nicht mitgenommen haben. Seine zarte Seele hätte sonst einen schweren Schaden erlitten.
    Und ja, ich lese immer in anderer Leute Gedanken herum, auch ungefragt. :-)

    Ah ja, wundervoll. Sie, ich und die fünf anderen und immer, wenn Peter Maffay singt „krächz, über sieben krächz Brücken, musst du krächz -Knautschgesicht gehen..“ dann sagt einer von uns: „Hör mal, sie spielen unser Lied.“
    Das ist doch der Beginn einer wundervollen Selbsthilfegruppe! Wir könnten uns die „ABs“ nennen, die anonymen Brückenbegeher.

    Nutzen Sie doch den Sadismus Ihres Zahnarztes aus! Legen Sie sich gemütlich auf den Zahnarztstuhl, Handy ans Ohr, dann rufen Sie ihn an, während er neben Ihnen steht und fragen nach dem Preis für eine Vollnarkose.
    Wenn Sie dann ohnmächtig werden, hat er Sie gefälligst zu operieren und natürlich für umsonst.
    Falls nicht: verklagen!

  14. textorama schreibt:

    Sie Napoleonin unter den Kostenstrategen.

    bewundernd,
    Ihr textorama

  15. Anna Nuehm schreibt:

    Danke. Ich tu, was ich kann und versuche meinen Kommentatoren zu helfen, wo es nur geht.

    Stets hilfsbereit
    Ihre Anna Nightingale

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